SPIEGEL ONLINE - 21. September 2001, 18:10
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Die Macht der TV-Bilder
 
Was ist die Wahrheit?

Von Lisa Erdmann

Nur wenige Stunden nach den Attentaten auf New York und Washington zeigten die Fernsehsender weltweit Bilder von Palästinensern, die die unfassbare Tat bejubelten. Jetzt heißt es, ein Teil dieser Bilder sei möglicherweise gestellt, der Rest alt.

Jubel vor der Kamera für ein Stück Kuchen
AP
Jubel vor der Kamera für ein Stück Kuchen
Hamburg - Kinder jubeln, eine Frau mit schwarzem Kopftuch und Brille reißt freudig die Arme hoch, ein Mann klatscht und winkt andere Passanten herbei: Eine Straßenszene, gefilmt in Jerusalem am 11. September, am Tag der Attentate in New York und Washington. Bilder, die um die Welt gingen. Bilder, die viele Menschen erschütterten. Der Hunger nach Informationen und Filmmaterial war an diesem Tag unstillbar - so wurden auch diese Aufzeichnungen von den TV-Sendern immer und immer wieder gesendet, unterlegt mit den Worten, diese Palästinenser würden die Anschläge in den USA feiern. Doch nun, zehn Tage nach den Anschlägen, berichtet das ARD-Politmagazin "Panorama", dass es möglicherweise eine andere Wahrheit über diese Bilder gibt, dass die Szene vielleicht sogar gestellt sind.

Gefilmt wurden die jubelnden Palästinenser von zwei Nachrichtenagenturen: Reuters und Associated Press (AP). Die Fernsehzuschauer bekamen in der vergangene Woche nur wenige Sekunden von dem Material zu sehen. Insgesamt liefen bei den TV-Stationen aber etwa vier Minuten auf. Die Panorama-Redakteurin Annette Krüger-Spitta sah sich die gesamten Bänder der beiden Agenturen genauer an. "Das ist schließlich brisantes Material". Dabei stellte sie Unstimmigkeiten fest.

Kinder feiern vor der Kamera die Attentate - im Hintergrund eilen unbeteiligte Passanten vorbei
AP
Kinder feiern vor der Kamera die Attentate - im Hintergrund eilen unbeteiligte Passanten vorbei
Die fertig geschnittenen Nachrichten-Filme in der vergangenen Woche hatten den Eindruck erweckt, da feierten viele Menschen auf der Straße. Es waren keine Total-Aufnahmen dabei, die die ganze Straße zeigten, sondern immer nur kleine Gruppen von Menschen. Auf dem gelieferten Material waren allerdings sehr wohl Totalen - sie zeigten deutlich, dass nur eine Handvoll Palästinenser jubelten, viele andere gingen einfach unbeteiligt vorbei. "Die Frau mit dem Kopftuch hat später gesagt, sie habe in die Kamera gejubelt, weil man ihr Kuchen versprochen hat", so Krüger-Spitta. Die Palästinenserin habe erklärt, sie sei entsetzt gewesen, als sie sah, in welchem Kontext ihr Jubel gezeigt wurde. Sie verabscheue die Taten in New York und Washington. Was ist die Wahrheit?

Schon in der vergangenen Woche fegten aufgeregte Mails zu einem ähnlichen Fall rund um den Erdball. CNN habe zehn Jahre alte Bilder verwendet, um damit den angeblichen Jubel der Palästinenser zu belegen. Ein brasilianischer Student, Marcio, hatte am Mittwoch auf der Website von Indymedia, einer unabhängigen Medienplattform, einen Brief gepostet. Er schrieb, er habe Beweise dafür, dass die Bilder die am 11. September bei dem amerikanischen Nachrichtensender zu sehen waren, gefälscht seien. Das Filmmaterial stamme aus dem Jahr 1991 und zeige Freudenfeiern von palästinensischen Jugendlichen nach dem irakischen Einmarsch in Kuweit. Einer seiner Dozenten habe Videoaufzeichnungen von damals und sie mit den aktuellen Berichten verglichen. Fazit: Beide Bilder seien identisch. CNN mache Stimmung gegen die Palästinenser.

Nur zwei Tage später, am Freitag, ruderte Marcio zurück. Die Informationen seien nur eine Vermutung gewesen, der Hochschullehrer könne seinen Verdacht nicht beweisen. Doch da war es schon zu spät. Bis heute geistern Mails mit der Fehlinformation durch das Netz, bis heute erhalten viele Redaktionen, auch wir, immer wieder besorgte Hinweise von Lesern. CNN International hat den Vorwurf gegenüber SPIEGEL ONLINE heftig dementiert. Auch Reuters TV, die das Material an CNN geliefert haben, beeilten sich, die Vorwürfe zu entkräften. Sogar auf der Website von Indymedia selbst gab es Zweifel an dem Vorwurf. Ein Leser erklärte, die Bilder könnten gar nicht aus dem Jahr 1991 stammen, weil darauf ein Ford aus einer Baureihe von 1995 zu sehen sei.
 


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