Pflugscharen zu Schwertern? Gerechter
Friede für eine Welt des Terrors
1. Im Bann der Gewalt
"Gesetzt den Fall, Sie haben noch keinen umgebracht, womit erklären
Sie sich das?" Diese provozierende Frage aus dem zweiten Tagebuch
von Max Frisch ist so verblüffend wie abgründig erhellend:
Nichts ist verdächtiger als der, der vorgibt, immer nur das Gute
zu wollen. Für ihn sind die Bösewichte und Übeltäter
stets die anderen. Nein, die Gewalttätigkeit steckt als Versuchung
in uns selbst - und in der alten kirchlichen Lehre von der Erbsünde
ist immer schon zum Ausdruck gebracht, wie sehr jeder von uns in einen
Zusammenhang universaler Verblendung hineinverwickelt ist.
"Heute haben wir das Böse gesehen". Das sagten Augenzeugen
der Terrorakte des 11. September. Das Böse - aufgeklärt
wie wir sind, dachten wir im Grunde schon, es sei inzwischen abgeschafft.
Theologen diskutieren, ob man noch vom Teufel reden kann oder besser
nicht. Viele denken, durch die Aufklärung seien die Menschen
endlich vernünftig geworden und über das Böse hinaus.
Das 20. Jahrhundert müsste sie eines anderen belehren, und der
Anfang des neuen Jahrhunderts und Jahrtausends leider auch. "Heute
haben wir das Böse gesehen." Es gibt eine Evidenz der unmittelbaren
Erfahrung, die durch theoretische Erörterungen nicht zu überholen
ist.
Die Bibel ist entlarvend. Sie beschönigt oder verdrängt
die Gewalttätigkeit des Menschen nicht, sie nennt sie beim Namen.
Kein menschliches Thema, weder Arbeit noch Liebe, weder Familie noch
Natur noch Bildung erscheint im Alten Testament so häufig und
ist so drastisch dargestellt. Die Verschleierung der Gewalt wird zerrissen.
Hier wird nicht weggeschaut, sondern hingeschaut auf das, was ist,
auch was in uns selbst los ist, nicht nur bei den anderen. Das bewahrt
vor jener Schwarzweißmalerei, die die Welt in zwei Lager einteilt
und sich selbst auf jeden Fall im Lager der Guten ansiedelt. So einfach
ist die Sache nicht.
"Heute haben wir das Böse gesehen". Wie reagieren wir?
Am 12. September meinte Dagmar Reim in den Tagesthemen, in dieser
Situation solle man das Neue Testament einmal beiseite stellen und
sich an die alte Devise erinnern "Auge um Auge, Zahn um Zahn".
Da weiß man, wo man dran ist, da stimmt die Rechnung. Wie du
mir, so ich dir. Gewalt gegen Gewalt. Das sitzt uns in den Knochen.
Ist nicht das Vergeltungsprinzip ein realistisches, solides Fundament?
Immerhin markiert es einen wichtigen Fortschritt in der Rechtsgeschichte.
Gegenüber der archaischen Rache, die den einmal zugefügten
Schaden maßlos und über Generationen hinweg nachgetragen
und vergolten hat, garantiert das "Wie du mir, so ich dir"
geordnete Verhältnisse. Ist es der Weisheit letzter Schluss?
"Auge um Auge" macht schließlich alle blind - durch
den Hass und überhaupt: Am Ende hat keiner mehr ein Auge.
2. Jesu Weg
Jesus ist nicht beim Vergeltungsdenken stehen geblieben. Er hat -
vor allem in der Bergpredigt - einen neuen Weg eröffnet, seinen
Weg. Er baut nicht auf die äußeren Machtmittel, sondern
auf das innere Vermögen des Menschen, auf seine Liebesfähigkeit
und seinen Glauben. Er baut nicht zuletzt auf seine Fähigkeit,
in unausgeglichenen Verhältnissen zu leben. Er traut dem Menschen
zu, in Verhältnissen zu leben, in denen die Waage nicht waagerecht,
sondern schief hängt, und das zu seinen Ungunsten. Leicht wird
eine solche Haltung mit Dummheit und Schwäche oder Blauäugigkeit
gleichgesetzt. Äußerlich betrachtet kann sie diesen Eindruck
erwecken. Im Letzten jedoch ist sie nicht Ausdruck von Schwäche,
sondern von Stärke.
Die Ethik der Bergpredigt beginnt nämlich nicht damit, sich schlagen
zu lassen, sondern sich lieben zu lassen. Ihr Fundament ist der Glaube
an Gott den Vater, der weiß, was wir brauchen, und der hinter
uns steht. Wer sich auf ihn einlässt, der muss sein Leben nicht
selber sichern. Er hat den Rücken frei. Wem Gott die Realität
seines Lebens ist, der muss keine Angst mehr um sich selber haben.
Er kann sich angstfrei den anderen zuwenden. Er kann auch Schläge
einstecken, ohne dass sein Fundament dadurch ins Wanken gerät.
So wenig wie das Einstecken von Schlägen der Beginn der Ethik
Jesu ist, so wenig ist es ihrer Weisheit letzter Schluss: "Halt
auch die andere Backe hin." Jesus rät hier nicht zur Passivität,
zum bloßen Hinnehmen. Er ermutigt und ermuntert zu einer neuen
Initiative. Er setzt auf die Phantasie und Schöpferkraft der
Liebe, die das Böse an der Wurzel zu überwinden sucht. "Besiege
das Böse durch das Gute" (Röm 12,21).
Jesus hat nicht zurückgeschlagen. Er ging nicht über Leichen.
Er widerstand der Versuchung, mit Macht die Welt in Ordnung zu bringen,
mit Macht die sogenannten "klaren Verhältnisse" zu
schaffen. Der nichts als Frieden wollte, wurde Opfer menschlicher
Gewalt. Das Kreuz bringt ans Licht, was im Menschen steckt: Das ganze
Ausmaß der Gewalttätigkeit in uns und um uns. Gott hält
sich die Wunden der Gewalttat nicht vom Leibe, er trägt sie selbst;
und er hat die Kraft, sie zu verwandeln - so wahr Jesus von den Toten
auferweckt ist.
Das Kreuz offenbart, wozu menschliche Gewalttätigkeit fähig
ist. Und es offenbart zugleich Gottes Gewaltlosigkeit. Wir sind nicht
mit Gewalt erlöst, nicht durch die Liebe zur Macht, sondern durch
die Macht der Liebe.
3. Zum Einsatz militärischer Mittel
In einer von Gewalt durchdrungenen Welt wird man zwar Selbstverteidigung
und Nothilfe für die von ungerechter Gewalt Betroffenen nicht
- als eine Option des Handelns - einfach ausschließen können.
Aber als Christen dürfen wir uns die Zwiespältigkeit, die
auch mit solcher legitimen Gewaltanwendung einhergeht, nie ausreden
lassen. Der Ungeduld, die immer wieder darauf drängt, den gordischen
Knoten der Gewalt mit dem militärischen Schwert zu durchschlagen,
dürfen wir uns ebenso wenig beugen wie der Gefahr zynischer Abstumpfung,
die resigniert die Gewalttätigkeit als unveränderbar gegeben
hinnimmt.
In "Gerechter Friede" haben wir uns mit den Bedingungen
eines legitimen militärischen Einsatzes auseinander gesetzt.
1. Das Prinzip der Erfolgsaussicht: "Es muss eine hinreichende
Wahrscheinlichkeit bestehen, dass die Gewaltanwendung ihr Ziel tatsächlich
erreichen kann und die Lage nicht etwa noch verschlimmert wird"
(GF 155). Gibt es eine solche hinreichende Erfolgsaussicht bei den
derzeitigen Militärschlägen gegen den Terrorismus? Oder
wird dadurch die Lage in bestimmten Ländern und Regionen nicht
noch weiter angeheizt und destabilisiert, so dass sich die Welt am
Ende einer noch größeren Zahl hasserfüllter Terroristen
gegenüber sieht?
2. Wir haben in "Gerechter Friede" auch die traditionelle
kirchliche Lehre in Erinnerung gerufen, dass die Zivilbevölkerung
bei einem Militäreinsatz so weit wie nur möglich von einer
militärischen Gewaltanwendung verschont bleiben muss. Wer eine
solche Aktion unternimmt, muss deshalb auch zeigen können, dass
er sie erfolgreich durchführen kann, ohne unermessliches Leid
über die Zivilbevölkerung des attackierten Staates zu bringen.
3. Von besonderer Bedeutung ist das Völkerrecht. Wie schon beim
Kosovo-Krieg wird jetzt deutlich, dass das Völkerrecht keine
wirklich überzeugenden Lösungen für Situationen wie
diese bereit hält. Die rechtliche Grundlage für die alliierten
Aktionen stellt Artikel 51 der UN-Charta zum Selbstverteidigungsrecht
der Staaten dar. Im Grundsatz gibt es offenbar einen Konsens darüber,
dass dieser Fall gegeben ist. Der Sicherheitsrat hat sich mehrere
Male mit der Sache befasst und einschlägige Resolutionen verabschiedet.
Doch die Sache ist nicht ohne Fragen.
Die UN-Charta bezieht sich auf das Verhältnis zwischen Staaten.
Die Attentate sind offenbar nicht von Staaten als solchen ausgegangen,
sondern von einer Verbrecherorganisation. Wenn aber Staaten - wie
Afghanistan - solchen Banden Unterstützung bieten, sind sie mit
verantwortlich. Weiter: Das Notwehrrecht betrifft den Fall einer militärischen
Aggression. Liegt sie vor? Afghanistan hat sicher nicht angegriffen,
folglich sind Militärschläge allenfalls unter präventivem
Gesichtspunkt legitimiert. Präventive Maßnahmen scheinen
insofern berechtigt, als Bin Laden keinen Zweifel an seiner Entschlossenheit
lässt, weiterhin terroristisch vorzugehen. Aber er und seine
Organisation als eigentliche Adressaten von Aktionen existieren gleichsam
völkerrechtlich nicht. Das Taliban-Regime ist völkerrechtlich
nicht anerkannt und zudem nicht direkt verantwortlich.
Fragen sind allemal am Platz und dürfen nicht als Verstoß
gegen die Bündnisverpflichtungen diffamiert werden. Wenn die
Terroristen Verbrecher sind, müssten Gegenmaßnahmen streng
polizeilichen Charakter haben. Ansonsten könnte man auch gegen
die Mafia militärisch vorgehen. Wenn es sich um Kriegsgegner
handelt, dann heißt das: Wir haben unter der Hand den Kriegsbegriff
ausgeweitet und zwar in einer Weise, die völkerrechtlich höchst
fragwürdig ist.
4. Militärische Mittel dürfen in jedem Falle nicht das einzige
und auch nicht das vorrangige Instrument sein, mit dem wir auf die
Herausforderungen von Terror und Gewalt reagieren. Gewaltärmere
Mittel sind vorzuziehen. Darum ist es gut, dass die allermeisten Staaten
jetzt zusammenstehen wollen, um die Bewegungsfreiheit und die Handlungsspielräume
gewalttätiger Gruppen einzuschränken und sie von ihren Finanzquellen
abzuschneiden.
4. Das kleinere Übel
Gewaltlosigkeit im Sinne des Evangeliums ist kein Prinzip, eher ein
Rat. Man kann nicht den Gewaltverzicht anderer fordern, wenn es um
ihr Leben geht. Doch der Abscheu gegenüber Gewalt und Blutvergießen
muss auch die noch prägen, die im Notfall zur Gewalt greifen.
Er kann verhindern, der Faszination der Gewalt zu erliegen, die als
Macht über Leben und Tod besonders verführerisch wird. Die
Eigendynamik der Militärmaschinerie ist höchst gefährlich.
Krieg als Computerspiel! Offen gesagt: Die von unseren führenden
Politikern immer neu bekundete uneingeschränkte Zustimmung zu
den militärischen Aktionen verschlägt mir den Atem.
Der Geist der Gewaltlosigkeit, aus dem Jesus gelebt und gewirkt hat,
kann in einer von Gewalt durchdrungenen Welt nicht davor bewahren,
in Situationen zu geraten, die zum Schutz von Leib und Leben nach
Gegengewalt rufen. Wohl aber hält er das Gespür dafür
wach, dass auch solche hindernde und schützende Gewalt als das
kleinere Übel ein Übel bleibt, ein schmerzlicher Makel an
der Gestalt der Welt. Eben darum treibt dieser Geist auch dazu an,
dass es in kluger Vorsorge möglichst nicht zu einer solchen Dilemma-Situation
kommt. Mit dem Übel notwendiger Gewalt lässt sich zwar zur
Not leben; mehr zu denken ist Christen aber nicht erlaubt. Es gibt
für sie keine Alternative zu dem Ziel, Gewalt zu verhindern oder
wenigstens zu mindern und ihre Folgen zu lindern. Die Maxime lautet
daher: Vorbeugen ist besser als heilen, Prävention geht vor Reaktion
und Vergeltung.
Gott Dank haben in unseren Tagen Wörter wie Gewaltprävention,
Gewaltverhütung, Gewaltminderung in der Sicherheitspolitik einen
ganz neuen Stellenwert bekommen. Nur so werden die uralten Teufelskreise
von Gewalt und Gegengewalt, von Demütigung und Rache durchbrochen.
Nur so werden nicht immer neu aus Opfern Täter und aus Tätern
Opfer. Nur so ist das Ende einer gewalttätigen Auseinandersetzung
nicht zugleich der Beginn neuer Gewalttaten. Wir haben doch vor zwölf
Jahren - daran darf man erinnern, auch wenn die Situation heute eine
ganz andere ist, Erfahrungen gemacht, die wir nicht vergessen dürfen:
Gewaltfreiheit kann Geschichte machen, runde Tische dienen dem Frieden,
Vertrauen kann Angst überwinden.
5. Gewaltprävention
Den brutal agierenden Gewalttätern ist nicht mit Gegengewalt
allein beizukommen. "Der globale Terrorismus gleicht einem Krebs
mit vielen unsichtbaren Herden. Es reicht nicht, nur ein Karzinom
herauszuschneiden, denn was bleibt, streut. Vor allem darf der Patient
nicht getötet werden. Der Patient? Das sind die Geschundenen
und Unterdrückten von Afghanistan, das sind wir - unsere liberale
Staats- und Wirtschaftsordnung" (J. Joffe). Das ganze Kriegsmaterial,
die mit Hochtechnologie voll gestopften Raketen, Panzer und Bomber
taugen nur sehr, sehr eingeschränkt zur Terrorbekämpfung,
so wenig wie der überkommene Begriff "Krieg" die Situation
zutreffend beschreibt. Raketen können den terroristischen Gruppen
und halbstaatlichen Organisationen eben nicht den Sauerstoff der kulturellen
und politischen Zustimmung abdrehen. Derzeit sind sich ziemlich alle
einig, dass der Kampf gegen den Terrorismus im wesentlich präventiv
geführt werden muss. Da rennt man also offene Türen ein.
Nur - wie ernsthaft und glaubwürdig sind solche Beteuerungen?
Oft ist in diesen Tagen von Entschlossenheit, Unnachgiebigkeit und
Opferbereitschaft die Rede. Es wäre viel gewonnen, wenn diese
Tugenden nicht nur im Blick auf Militäreinsätze beschworen
würden, sondern vor allem im mühsamen Ringen um eine Politik
der Gewaltvorbeugung zum Tragen kämen. Gibt es ein Konzept dafür?
Viele Maßnahmen der Politik sind zu kurzatmig, stehen unter
dem Druck der Öffentlichkeit, der Medien. Die Frage ist, wie
wir eine gesellschaftliche Entwicklung anstoßen und unterstützen
können, die nicht immer nur neue Gewalt hervorbringt, sondern
die Herrschaft der Gewalt in den Köpfen und Herzen der Menschen
zurückdrängt, nicht zuletzt in unseren eigenen. Die Politik
muss darin investieren, Krisen vorzubeugen statt nur Konflikte zu
managen.
Wer auf die mittel- bis langfristigen Konfliktperspektiven hinweist,
begegnet allzu oft dem Einwand, dass seine Handlungsvorschläge
Dringlicherem zu weichen hätten. Man betrachte nur die geradezu
skandalöse Diskrepanz zwischen den Finanzmitteln für den
Militäreinsatz im Kosovo und jenen bescheidenen Mitteln, die
nach heftigem Ringen für den Stabilitätspakt und den Wiederaufbau
bereitgestellt wurden (vgl. Ruanda, Sudan, Irak, Palästina).
Die humanitäre Hilfe, die derzeit medienwirksam in Afghanistan
geleistet wird, steht in gar keinem Verhältnis zum Aufwand der
militärischen Mittel. Ich will die Carepakete nicht madig machen,
ich hab in der Nachkriegszeit über Jahre selbst davon gelebt.
Aber die Frage bleibt: Einen übergroßen Teil der Intelligenz
investieren wir in immer perfektere Waffensysteme, statt diese Intelligenz
für die Entwicklung der armen Völker einzusetzen. Die Armen
hungern nicht, weil wir zuviel essen, sondern weil wir zu wenig denken,
zu kleinkariert an unsere eigene Sicherheit, zu kurzsichtig nur an
unsere eigenen Interessen. In Sachen ökonomischer Globalisierung
sind wir Riesen, in Sachen globaler Solidarität sind wir Zwerge.
Wir investieren in Waffen, und die Krisenherde in der Welt wachsen
und produzieren neue Kriege.
1. Besondere Bedeutung kommt dem Einsatz für eine durchgreifende
Verbesserung der wirtschaftlichen und sozialen Lebensbedingungen der
Armen zu. Auch wenn unter den Terroristen von New York und Washington
gut ausgebildete Ingenieure gewesen sein mögen: Es sind vor allem
die Elendsquartiere in vielen arabischen und muslimischen Ländern,
die junge Leute in Entwurzelung und Perspektivlosigkeit stürzen
und den Nährboden bilden für Fanatismus und Gewaltbereitschaft.
Sicher kommt der Nachwuchs der Terroristen nicht unmittelbar von dort.
Aber das Elend der Slums, Lager und Hungerzonen nährt das Verständnis
und die Zustimmung für Angriffe gegen die westlichen Metropolen.
Keine Frage: Aktuell geht es darum, den Terroristen in den Arm zu
fallen und sie an weiteren Verbrechen zu hindern. Aber auf Dauer werden
wir den Terrorismus nur in den Griff bekommen, wenn wir uns den Ursachen
des abgrundtiefen Hasses stellen, der die Täter und ihre wohl
nicht ganz kleine Zahl von Sympathisanten treibt. Das kostet Geld
und Respekt vor dem anderen. Reiche Industrieländer unterstützen
arme Länder, indem sie diese fair am Welthandel beteiligen und
auf Protektionismus verzichten. Oder indem sie diesen Ländern
ihre Schulden erlassen und ihnen Hilfe zur Selbsthilfe geben, eine
Hilfe, die mehr ist als Transfer von Geld und westlichem Knowhow.
Derzeit verringern die Industrieländer seit Jahren ihre Hilfe,
schreiben ganze Kontinente ab. Wir investieren weit mehr in Waffen
als in Entwicklung.
2. Es ist Zeit, die westliche Selbstgewissheit zu hinterfragen. Wir
müssen uns eingestehen, dass wir mindestens ebenso Teil des Problems
sind, wie wir Teil der Lösung werden können. Der Hass gegen
alles Westliche, der im Terrorismus seinen dramatischen und mörderischen
Ausdruck findet, wird schließlich nicht nur durch die wirtschaftlichen,
sondern auch durch die politischen und kulturellen Ungleichgewichte
der heutigen Weltsituation genährt. Gerade in den muslimisch
geprägten Ländern haben viele den Eindruck, ihre Kultur
und ihre Traditionen würden bei uns im Westen nicht ernst genommen,
ja sogar verachtet. Allzu viele sind überzeugt, selbst die Menschenrechte
seien letztlich nur ein Vehikel, mit dessen Hilfe die Länder
Europas und Nordamerikas die islamischen Gesellschaften aushöhlen
und von ihren Wurzeln abschneiden wollten, um sie auf Dauer kulturell,
politisch und wirtschaftlich (erneut!) kolonisieren zu können.
Wir müssen solchen Vorhaltungen widersprechen, aber wir sollten
doch die tiefsitzende Verwundung ernst nehmen, die uns hier entgegen
tritt. Und wir müssen uns auch fragen, welche geschichtlichen
und auch aktuellen Erfahrungen das Ressentiment in der islamischen
Welt gegenüber dem Westen immer wieder anfachen. Vielleicht gehört
es ja zur Pathologie der international dominierenden Länder und
Gesellschaften, die Verletzungen und Demütigungen, die sie anderen
zufügen, gar nicht mehr wahrzunehmen. Es kann nicht darum gehen,
andere Völker und Kulturen in die Knie zu zwingen, wir müssen
helfen, dass sie auf die Beine kommen.
3. Ein fauler Friede, der sich mit Ausbeutung und Ungerechtigkeit
abfindet, darf unsere Sache nicht sein. Es ist offensichtlich: Friede
kann nur werden, wo Recht herrscht. Dabei ist die konkrete Anerkennung
und Respektierung der Menschenwürde, wie sie in den Menschenrechten
zum Ausdruck kommt, von fundamentaler Bedeutung. Bei der Verfolgung
der Straftäter sind rechtsstaatliche Kriterien zu beachten. Parolen
wie "Tot oder lebendig" haben keinerlei Recht. Nur wenn
es uns gelingt, die Menschenrechte zur Grundlage der internationalen
Beziehungen werden zu lassen, nur wenn auch in der Art wie wir Wirtschaften
und Gesellschaften organisieren, Menschenwürde und Menschenrechte
zum Zuge kommen, können Grundlagen für einen nachhaltigen
Frieden geschaffen werden. Es geht darum, das Recht des Stärkeren
durch die Stärke des Rechts zu ersetzen. Menschenrechte und Gerechtigkeit
sind Grundlage einer erfolgversprechenden Friedenspolitik und als
solche unteilbar. Die Koalition gegen den Terrorismus umfasst in dieser
Hinsicht höchst zweifelhafte Bündnispartner. So notwendig
etwa die Einbindung Russlands in die Antiterror-Koalition ist, sie
wäre zu teuer bezahlt, wenn wir dafür die massive Missachtung
der Menschenrechte in Tschetschenien widerspruchslos in Kauf nehmen
würden.
4. Die gegenwärtige Unsicherheit der Rechtslage und die Eigenart
der verfügbaren Mittel (Militär) machen deutlich, wie notwendig
es ist, das internationale Recht weiter zu entwickeln, die internationale
Gerichtsbarkeit auszubauen und die UN auf geeignete Weise mit Zwangsmitteln
auszustatten. Es fehlt der politische Wille zum Ausbau verbindlicher
internationaler Rechtsstrukturen. Das erklärt zu einem großen
Teil die Mängel und Regelungslücken des geltenden internationalen
Rechts. Wer ernsthaft für die Stärkung der Mittel und Methoden
zur Gewaltprävention eintritt, muss eine Politik zu überwinden
suchen, die von nationalstaatlicher Interessenkonkurrenz bestimmt
ist. Politiker müssen erkennen, wie sehr faktisch das Schicksal
ihres eigenen Landes in das der Völkergemeinschaft verwoben ist.
Gefragt ist eine Weltinnenpolitik, die sich den Anforderungen eines
global verstandenen Gemeinwohls stellt. Das Wohl der Völkergemeinschaft
wird dort verletzt, wo nationalstaatliche Interessenverfolgung überkommene
Unrechtsverhältnisse festschreibt oder zu neuen Formen von Ungerechtigkeit
führt. Die Idee einer internationalen Rechtsordnung ist seit
langem in der katholischen Soziallehre verankert und Teil ihres Friedensdenkens.
6. Interreligiöser Dialog
Die Bibel belegt, dass zwischen Gewalt und Religion eine ebenso uralte
wie tiefgründige Wechselbeziehung besteht. Da muss man sich nur
an die Religions- und Konfessionskriege erinnern oder auf den schier
unlösbaren Konflikt im Nahen Osten schauen. Daher zählen
der interreligiöse Dialog und die interreligiöse Begegnung
zu den vorrangigen Pflichten aller Religionen. Sie sind Voraussetzungen
einer Gesellschaft verschiedener Kulturen. Mag sein, dass der Einfluss
der christlichen Kirchen in Europa weiter schwindet. Es wäre
irrig, daraus zu schließen, die Religion als solche oder die
Religionen seien künftig politisch irrelevant. Vieles spricht
eher für das Gegenteil. Das Bischofswort hält sich gegenüber
der populären These vom unvermeidlichen Zusammenprall der Kulturen
oder Zivilisationen (Huntington) erkennbar zurück. Es lässt
aber keinen Zweifel an dem hohen Rang, den der Umgang mit religiösen
Überzeugungskonflikten zuerkannt werden muss. "Bis heute
hält sich bei vielen Menschen die feste Überzeugung oder
zumindest der Verdacht, vor allem die monotheistischen Religionen
seien ihrem Wesen nach intertolerant und friedensunfähig. Dieses
muss als Anfrage theologisch ernst genommen und praktisch beantwortet
werden. Über die notwendige ehrliche Selbstkritik der Religionsgemeinschaften
hinaus hängen deswegen ihre Glaubwürdigkeit und Überzeugungskraft
entscheidend davon, ob und wie weit sie in ihren tätigen Einsatz
für den Frieden, für die Rechte und legitimen Interessen
anderer Menschen und Gruppen eintreten" (192).
Im Sinne des Zweiten Vatikanischen Konzils (Nostra aetate) hat der
Papst am 6. Mai dieses Jahres beim Besuch der Omaijadenmoschee in
Damaskus vom "respektvollen Dialog" gesprochen. Er versteht
Muslime und Christen "nicht als Gegner, wie es in der Vergangenheit
allzu oft geschehen ist, sondern als Partner für das Wohl der
Menschheitsfamilie, besonders in der Erfüllung unserer Pflicht,
sich um die Armen und Schwachen zu kümmern."
Begegnen sich Christen und Muslime in Deutschland in diesem Geist?
In weiten Kreisen der Bevölkerung und nicht zuletzt auch der
Christen weckt die wachsende Präsenz der Muslime eher Sorgen
als Begeisterung. Bekommen wir Christen es angesichts des Islam mit
der Angst zu tun? Je eindeutiger wir im eigenen Glauben zu Hause sind,
desto offener können wir die gegenwärtige Herausforderung
als Chance begreifen, im Glauben und "als Partner für das
Wohl der Menschheitsfamilie" zu wachsen. Eine sprachlose Koexistenz
führt nicht weiter. Wir müssen uns ehrlich und in gegenseitigem
Respekt sagen, wie wir zueinander stehen. Auch kritische Fragen dürfen
nicht ausgeklammert werden. Der Dialog von Christen und Muslimen wird
sich in der Spannung von Respekt und Auseinandersetzung vollziehen
müssen, ohne Berührungsangst und ohne Unterscheidungsangst.
Christliche Maßstäbe zurückzustellen, um Konflikten
aus dem Wege zu gehen, ist ebenso unverantwortlich, wie die Bundesgenossenschaft
im Dienst am Menschen zu unterlassen.
Pflugscharen zu Schwertern? Die Religionen sind den Pflugscharen verpflichtet.
Es ist schrecklich, wenn sie zu heiligen Kriegen oder Kreuzzügen
rüsten oder missbraucht werden, von wem auch immer. Ihre Aufgabe
ist es, der Friedensvision der Propheten in unserer Welt den Weg zu
bereiten: "Er spricht Recht im Streit vieler Völker, er
weist mächtige Nationen zurecht bis in die Ferne. Dann schmieden
sie Pflugscharen aus ihren Schwertern und Winzermesser aus ihren Lanzen.
Man zieht nicht mehr das Schwert, Volk gegen Volk, und übt nicht
mehr für den Krieg" (Mi 4,3f.; vgl. Jes 2,2-4). Gebe Gott!