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Kann sich die muslimische Welt mit der westlichen gegen diese
fundamentalistischen Strömungen solidarisieren?
Den Islam als Einheit gibt es nicht. Er variiert religiös von Ort
zu Ort. Es gibt auch nicht einen Fundamentalismus, sondern
unterschiedliche Spielarten. Die vier Hauptrichtungen des Islam sind
heute: der orthodoxe Islam, der schriftgläubige, der gegen Reformen ist;
dann der fundamentalistische Islam, der eine sehr starke Strömung überall
ist; dann der terroristische wie in Algerien, Sudan und jetzt in
Afghanistan; dann der Sufi-Islam, ein Volksislam, der zwischen Politik und
Religion trennt und in Zentralasien sehr stark ist. Er ist sehr viel
lockerer, und deshalb nennt man ihn den "Wodkaislam". Schliesslich gibt es
den Reformislam, der versucht, den Islam an die Moderne anzupassen. Diese
vier Strömungen sind in der Gesellschaft. Aber man muss zwischen
Gesellschaft und Staat unterscheiden. In Pakistan macht die Regierung mit
den Amerikanern mit, die Bevölkerung aber nicht. Dasselbe gilt für
Ägypten. In Pakistan kann die "Jamaat Islami" Hunderttausende auf der
Strasse mobilisieren. Kürzlich gab es in Islamabad und in Lahore grosse
Demonstrationen mit dem Aufruf: "Bin Laden ist unser Held! Wer ihn
angreift, greift uns an." Auch in Ägypten und in Palästina hat es derlei
gegeben.
Wie lässt sich eine Spaltung verhindern?
Es gibt zwei Ebenen. Einmal muss man versuchen, mit den
islamischen Staatschefs zusammenzuarbeiten, also mit Pakistan, Ägypten,
Saudi-Arabien, Marokko. Andererseits muss man in Europa zwischen normalen
Muslimen und Fundamentalisten unterscheiden. In Deutschland beispielsweise
sind wir 3,5 Millionen Muslime. Darunter sind ungefähr 100 000
Fundamentalisten unterschiedlichster Ausrichtung. Die muss man sich näher
anschauen. Es sind höchstens 3 Prozent der Muslime, aber man darf die 3
Prozent nicht mit den 97 Prozent verwechseln.
Die Fundamentalisten scheinen augenblicklich gestärkt. Einerseits
durch die Attacke selbst, andererseits durch jede Art von Gegenschlag. Wie
kann man diese Logik durchbrechen?
Alles hängt jetzt von den Reaktionen ab. Was Bush jetzt vorhat,
wird Öl ins Feuer der Fundamentalisten giessen. Er würde zweierlei damit
erreichen: Er würde die gemässigten islamischen Präsidenten und Könige
schwächen und den Fundamentalismus stärken. Denn die Regierung mag
pro-westlich sein, die Bevölkerung ist pro fundamentalistisch. Eine
Bombardierung wird den fundamentalistischen Teil der Bevölkerung
aktivieren.
Dann käme es zu dieser Vermengung, die Sie Huntington vorwerfen,
nämlich den Islam mit dem Fundamentalismus gleichzusetzen, und zum
berühmten "clash".
Genau. Dann kann man nicht mehr zwischen Islam und Islamismus
unterscheiden. Wichtig ist auch, dass es nicht nur das Feindbild des Islam
im Westen gibt, sondern umgekehrt auch in der Welt des Islam das Feindbild
des Westens. Ich halte Vorlesungen in islamischen Ländern und versuche zu
vermitteln. Sobald ich etwas Gutes über den Westen sage, wirft man mir
vor, Handlanger des Westens zu sein. Der Westen gilt als Ausdruck des
Übels. Wir müssen beide Feindbilder abbauen.
Die Amerikaner fragen sich zum ersten Mal, womit sie diesen Hass
verdient haben. Wie ist das Feindbild des Westens zustande gekommen?
Bin Laden ist kein Verrückter. Er hat die Vorstellung einer
islamischen Weltordnung. Er hat mit den Amerikanern während des
Afghanistankrieges zusammengearbeitet. Er sagt, damals haben sie die
Weltmacht Sowjetunion zu Fall gebracht. Und jetzt wenden wir uns der
anderen Supermacht zu. Meines Erachtens wird er das nicht schaffen, aber
er kann sie destabilisieren. Tatsächlich ist die heutige Weltordnung
westlich geprägt. Aber sie sagen: Das machen die Westler auf unsere
Kosten, und deswegen müssen wir diese Weltordnung verändern, und zwar mit
Gewalt. Der andere Grund für das Feindbild ist tagespolitisch. Die
Amerikaner unterstützen Israel, das als Feind des Islam gilt, und wer
Israel unterstützt, ist gegen Muslime. Es gibt eine Rede von bin Laden auf
Video, die immer noch auf allen Märkten in Lahore, Islamabad, Karatschi
verkauft wird, obwohl der pakistanische Präsident den Amerikanern helfen
will. Bin Laden sagt: "Eure Brüder", von Schwestern keine Rede, "eure Brüder in Palästina warten auf Euch, um gegen die Juden zu kämpfen." Die
USA werden gleichgesetzt mit den Juden, der ganze Westen ist ihrer Ansicht
nach in der Hand der Juden. Der Kampf gegen den Westen ist ein Kampf gegen
die Kreuzzügler, gegen die Juden.
Genau dieser Sprache des Kreuzzuges bedient sich Präsident Bush
jetzt...
Etwas Dümmeres kann er nicht machen. Das ist das Wort der
islamischen Fundamentalisten: Der Westen, so sagen sie, führe gegen den
Islam einen Kreuzzug. In Zukunft können sie Bush zitieren. Hier müssen
westliche Politiker mehr Sensibilität zeigen, wenn sie auf die
Unterstützung islamischer Staatschefs rechnen wollen.
Ist jetzt der Moment gekommen, da man die Fehler der amerikanischen
Aussenpolitik benennen muss?
Es gibt zwei Gefahren. Die Amerikaner sind emotional erschüttert.
Wenn die Europäer sie jetzt kritisieren, hätten sie das Gefühl, dass man
ihnen in den Rücken fällt. Das würde die transatlantischen Beziehungen
stören. Die andere Sache ist: Es gibt in Europa in der Tat einen
Antiamerikanismus. Man muss über amerikanische Fehler reden und ihnen
sagen können, dass sie jetzt kein Unheil anrichten dürfen. Aber wir dürfen
ihnen nicht die Solidarität verweigern. Amerika ist tief verletzt.
Es gibt die These, dass der Mord an Massoud und die Attacke auf die
USA zusammenhängen. Bin Laden hätte also jemanden ausgelöscht, der in dem
Moment, wo das Talibanregime geschwächt werden könnte, zur Stelle hätte
sein können...
Eine plausible These. Aber vielleicht war es nur Zufall, dass
beides zusammen kam. Zentralasien ist multiethnisch, es gibt eine alte
Feindschaft von Paschtunen und Tadschiken. Der Kampf zwischen den Taliban
und Massoud war auch ein ethnischer Konflikt. Massoud war Chef der
Nordallianz, von verschiedenen Stämmen, die gegen die Paschtunen, also die
Taliban sind. Es war ein Schlag gegen die Opposition. Der Mord hat die
Nordallianz geschwächt, denn er galt als "Löwe von Panischar", weil er den
Russen dort eine erbärmliche Niederlage bereitet hat. Sein Nachfolger gilt
als Schwächling. Der Mord an Massoud hat also die Taliban gestärkt.
Ausserdem waren die beiden an dem Mord beteiligten Journalisten Jemeniten.
Bin Laden ist auch Jemenit. Er ist jemenitischer Gastarbeiter, der in
Saudi-Arabien durch Baugeschäfte Millionär geworden ist. Der Mord muss von
bin Laden ausgegangen sein.
Gibt es eine Chance, dass die Taliban bin Laden ausliefern?
Nein. Der höchste Titel im Islam ist der des Iman. Er leitet das
Freitagsgebet und ist Oberhaupt der Muslime. Diese Institution gibt es
seit 1924 unter den 55 islamischen Ländern nur noch in zweien. Der
marokkanische König nennt sich so, doch das ist nicht so ernst gemeint.
Aber in Afghanistan gibt es keinen Staatschef. Das Oberhaupt der Gläubigen
heisst Mohammed Omar. Er ist ein Geistlicher, der nie ausserhalb
Afghanistans war, und er lebt geistig im Mittelalter. Er hat gesagt, sie
werden ihn nicht ausliefern. Und die Taliban werden das respektieren.
Was wäre Ihr Ratschlag?
Keine Bombardierung. Das würde nur die amerikanischen Wähler
beruhigen. Man muss bessere Nachrichtendienste aufbauen, denn die
hochtechnologisierten Nachrichtendienste sind der heutigen Entwicklung
nicht angemessen. Die Amerikaner geben 30 Milliarden Dollar im Jahr für
ihre Geheimdienste aus, 80 Prozent davon gehen in die Satelliten, aber
damit können sie bin Laden nicht beobachten. Statt der "satellite intelligence" muss die "human intelligence" gestärkt werden...
Interview Martina Meister
© Frankfurter Rundschau
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